26. März 2009 - Google Interest Based Ads

Wie Sie sich vor verhaltensbasierter Werbung schützen können

Google startet die Beta-Version interessenbasierter Anzeigen. Dabei sucht Google die Online-Anzeigen nicht mehr nur passend zu den eingegebenen Suchbegriffen oder kontextsensitiv aus. Vielmehr verraten auch zuvor besuchte Webseiten des Google-Partnernetzwerks und angeklickte YouTube-Videos die Interessen der Benutzer. Kritiker sehen darin eine Verhaltenskontrolle und pochen auf ihr Recht auf Privatsphäre. Datenschutz PRAXIS zeigt, wie Sie der verhaltensbasierten Werbung entgehen können, aber auch die Konsequenzen einer Ablehnung.

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Unter der Lupe von Google: das Surfverhalten jedes Einzelnen (Bild: Thinkstock)

Google ist einer der schillerndsten Akteure im Internet.

Google in der Kritik

Keine Suchmaschine ist so beliebt, und kaum ein Internetunternehmen steht so häufig in der Kritik, insbesondere aus den Reihen der Datenschützer. Sie müssen nur wenige Wochen und Monate zurückdenken und stoßen sofort auf mehrere Beispiele wie Google Analytics, Google Health und Google Street View.

Sicherheitslecks in Google Docs

Anfang März 2009 machte zudem ein Sicherheitsleck bei Google Docs von sich reden, durch das die Dokumente einiger Nutzer (laut Google weniger als 0,05 Prozent aller Google-Docs-Dokumente) auch für andere Anwender sichtbar waren, als die dafür aktuell freigegebenen.

Kurz darauf forderte die Datenschutzorganisation EPIC (Electronic Privacy Information Center) die FTC (Federal Trade Commission) in den USA auf, den Datenschutz bei Google-Diensten wie Google Calendar und Google Docs zu prüfen.

Google gilt als Datenkrake

Die kritische Beobachtung von Google hat einen einfachen Grund. Google hat eine enorme Durchdringung des Internets erreicht und verfügt über eine Vielzahl an Datenquellen über die Nutzer der Google-Dienste, die im Fall eines Missbrauchs umfangreiche persönliche Profile der Anwender entstehen lassen könnten.

So erhält Google Informationen aus den Benutzerkonten für Google-Services, Cookies aus dem riesigen Google-Partnernetzwerk, Protokolldaten auch zur Suchmaschinennutzung, Google-Gadgets für den Computer-Desktop sowie standortbezogene Daten durch Google Maps für Handys und Google Latitude.

Werbung soll zum Nutzer passen

Auf dieser Grundlage erscheint das Angebot des ab Anfang April 2009 als Betaversion verfügbaren Dienstes Google Interest Based Ads in einem zwiespältigen Licht. Werbung, die einen nicht interessiert, ist zwar noch lästiger als eine passende Anzeige. Aber Anzeigen, die auf dem persönlichen Surfverhalten (Behavioral Targeting) basieren, erscheinen beunruhigend.

Google sieht dagegen die Steigerung der Werberelevanz als klaren Vorteil für den Nutzer und nennt Beispiele: „Wenn ein Nutzer einen großen Teil seiner Online-Zeit damit verbringt, sich Auto-Videos auf YouTube und Autotest-Webseiten im Google-Content-Netzwerk anzusehen, wird er von dem neuen System als Autoliebhaber eingestuft. Entsprechend werden im Google Content-Netzwerk sowie auf YouTube für diesen Nutzer vermehrt Kfz-bezogene Werbeanzeigen eingeblendet.“

Speicherung von Interessen über Monate

Ein anderes Beispiel von Google zeigt, dass sich die Interest Based Ads nicht nur auf die Webseiten- und Videoaufrufe im Google-Netzwerk im Rahmen der aktuellen Internetsitzung beziehen, sondern für Monate vorgehalten werden:

„Wenn sich beispielsweise ein Nutzer im August auf einer Sportbekleidungs-Webseite ein Fußball-Trikot angesehen hat, könnte der Webseitenbetreiber den Nutzer im Dezember mit einer Anzeige auf anderen Webseiten auf besondere Angebote hinweisen, zum Beispiel auf seinen Winterschlussverkauf.“

Google will auch Datenschutz stärken

Der neue Werbedienst Interest Based Ads erlaubt den Internetnutzern jedoch auch, das Interessensbild, das Google jeweils aufzeichnet, zu kontrollieren, zu überarbeiten und den kompletten Dienst der verhaltensbezogenen Werbung bei Google und dem Partnernetzwerk zu deaktivieren. Allerdings muss der Nutzer zuvor nicht ausdrücklich der entsprechenden Verwendung seiner Daten zustimmen.

Wer also keine Kenntnis über die Möglichkeit zur Deaktivierung hat und die bei Google und den Partnern geänderten Datenschutzerklärungen nicht einsieht, nimmt unbewusst an dem Programm teil.

Ads Preferences Manager hilft (nicht) weiter

Wenn Sie die Interest Based Ads, die ab Anfang April im Rahmen eines Beta-Tests im Google Content-Netzwerk und auf YouTube starten, nicht zulassen wollen, können Sie den Dienst unter www.google.com/ads/preferences deaktivieren, sofern Sie bislang die Cookies des Google-Netzwerks akzeptieren. Kontextsensitive Google-Anzeigen werden dadurch nicht beeinflusst.

Ohne die entsprechenden Cookies können Sie bestimmte andere Google-Services nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr nutzen.

Weniger Werbung, weniger Service

Ihre Option lässt sich also auf die Formel „Weniger Werbung, weniger Service“ bringen. Wer kostenlose Internetdienste nutzen möchte, muss wohl oder übel in den meisten Fällen Zugeständnisse bei der Online-Werbung machen, nicht nur bei Google.

Problemfall Gruppenrechner

Laut Google werden die jeweils gesendeten Informationen ohne persönliche Daten (z. B. Name oder Adresse) in anonymen Cookies gespeichert. Auch verzeichne Google für die Interest Based Ads keinerlei sensible Kategorien wie etwa Gesundheit oder sexuelle Ausrichtung.

Da jedoch die Interest Based Ads immer einem speziellen Browser und Computer zugeordnet werden, könnten Internetrechner im Büro, die von mehreren Nutzern verwendet werden können, durchaus die Interessen des hauptsächlichen Anwenders über die Anzeigen präsentieren, natürlich jeder Person, die den Browser bedienen darf.

Verhaltensbasierende Anzeigen bei Gruppenrechnen auf jeden Fall deaktivieren

Es empfiehlt sich also, die verhaltensbasierten Anzeigen auf Gruppenrechnern mit Internetzugang zu deaktivieren. Wer ganz sicher gehen möchte, kann auf sämtliche Werbung aus dem Google-Netzwerk verzichten unter www.google.com/intl/de/privacy_ads.html.

Cookie-Manager zur Gedächtnislöschung nutzen

Ebenso hilft der Cookie-Manager im Browser, der zum Beispiel sämtliche Cookies beim Schließen des Webbrowsers löschen kann. Dadurch verliert auch Google Interest Based Ads das Gedächtnis.

Oliver Schonschek
Oliver Schonschek ist Diplom-Physiker und Fachjournalist.

Tipp: Mehr zu Online-Werbung und Profiling im Internet finden Sie auch in dem Werk „IT-Know-how für den Datenschutzbeauftragten

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