29. November 2010 - Smart Metering

Wie intelligente Stromzähler die Privatsphäre bedrohen könnten

Eine intelligente Fernablesung des Stromverbrauchs soll die Energiekosten senken und die Lastverteilung im Stromnetz optimieren. Die Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder warnten jedoch Anfang November 2010 davor, die schutzwürdigen Belange der Bürger den kommerziellen Interessen der Energieversorgungsunternehmen unterzuordnen. Welche Risiken für die Privatsphäre bestehen bei Smart Metering und den interlligenten Stromzählern wirklich?

Datenschutzkonzept ist Grundlage der Datenschutzorganisation (Bild: Mathias Rosenthal / iStock / Thinkstock)

Smart Meter für Neubauten und renovierte Gebäude

Sicherlich verfolgen Sie bereits seit längerem in den Medien die Diskussion über Smart Metering, also die Fernablesung des Energieverbrauchs durch intelligente Stromzähler.

Vielleicht ist Ihr Unternehmen sogar schon betroffen, denn seit Anfang 2010 müssen Neubauten und renovierte Gebäude mit intelligenten Stromzählern ausgestattet werden (Energiewirtschaftsgesetz, EnWG).

Energiewirtschaft sieht große Potenziale beim Smart Metering

Die Energiewirtschaft sieht diese Entwicklung sehr positiv, wie zum Beispiel die VDE-Analyse „Smart Energy 2020: Vom Smart Metering zum Smart Grid“ zeigt. Smart Metering und Smart Grids (intelligente Infrastrukturen) sollen es unter anderem ermöglichen,

  • dezentrale, regenerative Energien besser in die Stromversorgung einzubinden (gegenwärtig sollen die Energieschwankungen bei der dezentralen Einspeisung Probleme bereiten) und
  • die Energieeffizienz beim Verbraucher zu verbessern.

Für den Verbraucher heißt das in Zahlen: Smart Metering und Smart Grids sollen fünf bis zehn Prozent an Energie einsparen. Das klingt durchaus verlockend. Trotzdem sind die Datenschutzbeauftragten alarmiert und zahlreiche Bürger besorgt.


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Datenschutzbeauftragte sehen Risiken bei den intelligenten Stromzählern

In ihrer Entschließung „Datenschutz bei der digitalen Messung und Steuerung des Energieverbrauchs“ im Rahmen der 80. Konferenz der Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder vom 3./4. November 2010 warnen die Datenschutzbeauftragten, dass die detaillierte Erfassung des Energieverbrauchs zu tiefgreifenden Verletzungen der Persönlichkeitsrechte der Betroffenen führen und sowohl das Recht auf informationelle Selbstbestimmung als auch die verfassungsrechtlich garantierte Unverletzlichkeit der Wohnung beeinträchtigen könne.

Auch Bürger zeigen sich besorgt über die intelligenten Stromzähler

Die Forsa-Umfrage „Erfolgsfaktoren von Smart Metering aus Verbrauchersicht“ kommt zu dem Schluss, dass auch die Verbraucher beunruhigt sind. Zwar sind fast 75 Prozent aller Verbraucher zur Nutzung intelligenter Stromzähler bereit, nur 20 Prozent sind grundsätzlich skeptisch gegenüber Smart Metering.

Angst vor dem „gläsernen Kunden“

Über die Hälfte der Befragten hat jedoch die Sorge, zum „gläsernen Kunden“ zu werden, vor allem falls beim Smart Metering der Datenschutz nicht ausreichend geregelt ist.

Bedenken bestehen insbesondere dahingehend, dass die Stromanbieter die Verbrauchsprofile der Verbraucher ausnutzen könnten, um die Strompreise zu bestimmten Zeiten gezielt anzuheben, so das Ergebnis der Forsa-Umfrage.

Auch der VDE (Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik) sieht diese Besorgnis der Verbraucher und erklärt, dass das Thema Datenschutz auch deshalb mit hoher Priorität versehen werden sollte, weil eine mangelnde Akzeptanz von Smart Metering angesichts der immensen Herausforderungen in der Energie- und Klimapolitik fatal wäre.

Welche Datenrisiken bestehen konkret?

So manchem mögen die Besorgnis der Verbraucher und die Warnung der Datenschutzbeauftragten zu weit gehen. Was soll denn schon passieren, wenn der Energieverbrauch in zeitlich kurzen Abständen regelmäßig aus der Ferne abgelesen wird?

Wenn Sie dies in Ihrem Unternehmen gefragt werden, können Sie antworten „Eine ganze Menge“:

  • Die Verbrauchsdaten gehören zu den personenbezogenen Daten und müssen deshalb geschützt werden.
  • Viele Tätigkeiten sind direkt mit einem Energieverbrauch verknüpft, so dass der Energieverbrauch je nach Auswertungstiefe unter Umständen Rückschlüsse auf die Tätigkeiten zulassen könnte.
  • Aus den Verbrauchsdaten könnten somit Nutzerprofile generiert werden, die durchaus auch von Interesse für die Werbewirtschaft wären (z.B. wer hat noch Geräte mit zu hohem Stromverbrauch und könnte sich für neue Modelle interessieren).
  • Noch genauer würden die Nutzerprofile bei einer gerätespezifischen Verbrauchsauswertung (z.B. wie viele PCs mit welchem Stromverbrauch werden in dem Unternehmen betrieben).
  • Die gespeicherten Verbrauchsdaten könnten mit weiteren Nutzerdaten aus anderen Bereichen verknüpft werden.
  • Neben den Verbrauchsprofilen könnten auch Zeitprofile erstellt werden, die unter anderem zeigen könnten, wann welches Gebäude verlassen wird (z.B. für Einbrecher nicht uninteressant).

Welche Risiken die Fernablesung für die Datensicherheit mit sich bringt

Auch die Datensicherheit kann gefährdet sein, wenn ein intelligenter Strom- oder Gaszähler den Verbrauch per Funk, per Stromnetz oder über das Internet weiterleitet. Unbefugte könnten versuchen, Zugriff auf die Messstellen oder die Datenübertragung zu bekommen, um die Verbraucher auszuspionieren oder um die Messwerte zu manipulieren.

Die betroffenen Verbraucher könnten sogar finanziellen Schaden erleiden, wenn es gelingen würde, die Abrechnungsdaten zu verändern. Hackerangriffe auf Infrastrukturdienste sind keine grundlosen Befürchtungen, denn sie finden bereits statt.

Smart Metering nur mit intelligentem Datenschutz

Die Datenschutzbeauftragten fordern schon seit längerem, dass nicht nur die Fernablesung intelligent gestaltet werden muss, sondern auch der Schutz der personenbezogenen Daten der Verbraucher.

Dazu gehört unter anderem,

  • dass auch bei Smart Metering der Grundsatz der Datensparsamkeit gelten muss, also keine für den Zweck nicht erforderlichen Daten erhoben und verarbeitet werden.
  • Die erhobenen Daten müssen einer strikten Zweckbindung unterworfen sein.
  • Wo immer möglich, sollten Pseudonyme in der Verarbeitung der Verbrauchsdaten genutzt und Daten aggregiert werden.
  • Ohne eine informierte Einwilligung der Verbraucher dürfen keine Verbrauchsdaten an Dritte weitergegeben werden.
  • Die Verbrauchsdaten dürfen nicht mit anderen Daten des Verbrauchers verknüpft werden, die zu einem anderen Zweck erhoben wurden.
  • Die Verbrauchsdaten auf Gerätebene dürfen nur dem Verbraucher selbst zur Verfügung stehen und nicht ohne Einwilligung übertragen werden.
  • Die Datenerhebung, Datenübertragung und Datenspeicherung bei Smart Metering sind mit technisch-organisatorischen Maßnahmen, wie sie das BDSG in der Anlage zu § 9 vorsieht, abzusichern, insbesondere sind die Verbrauchsdaten zu verschlüsseln.

Informieren Sie auch Ihre Geschäftsleitung sowie den Einkauf über die Risiken bei Smart Metering. Nutzen Sie dazu unsere Kurzinformation als Download.

Oliver Schonschek
Oliver Schonschek ist Diplom-Physiker und Fachjournalist.

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