16. Juli 2012 - Notfallvorsorge

Wenn sich die Festplatte selbst zerstört

Neuartige Speichersysteme versprechen eine Vereinfachung des Datenschutzes. Geht die Festplatte oder Speicherkarte verloren, dann löscht man sie einfach aus der Ferne. Soll die Festplatte entsorgt werden, aktiviert man einfach die Selbstzerstörung. Doch ist dies wirklich vorteilhaft für den Datenschutz?

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Selbstzerstörungsfunktionen von Festplatten ersetzen nicht die vorbeugenden Maßnahmen der Datensicherheit (Bild: Thinkstock)

Festplatte weg, na und?

Zehn Prozent aller Datenverluste entstehen durch verlorene USB-Sticks, Speicherkarten, Festplatten und anderer mobiler Geräte, so der DLP-Report 2012 (DLP, Data Loss Protection) von InfoWatch. Dabei geht InfoWatch von geschätzten 80.000 Fällen von Datenverlust in Deutschland für 2011 aus. Man kann also annehmen, dass im Jahr 2011 rund  8.000 mobile Geräten in Deutschland verloren gegangen sind. Ein Grund zur Besorgnis für den Datenschutz, sollte man meinen. Doch scheinbar ist der Verlust externer Festplatten und Speicherkarten bald gar nicht mehr so schlimm. Nun gibt es Festplatten und Speicherkarten, die sich selbst löschen und zerstören können.

SMS soll Festplatte löschen

Von Smartphones und anderen Mobiltelefonen her kennen Sie vielleicht schon die Funktion Remote Wipe, die Datenfernlöschung. Dabei sendet der Betroffene, der sein mobiles Telefon verloren hat, einen Löschbefehl per SMS an sein Gerät, das bei entsprechend aktivierter Remote-Wipe-Funktion die zuvor definierten Datenbereiche löscht. Seit kurzem werden auch Festplatten angeboten, die über eine eigene SIM-Karte verfügen und SMS empfangen können. Dadurch lassen sich dann auch diese Festplatten aus der Ferne löschen, unter bestimmten Voraussetzungen versteht sich.

Stromstoß soll Festplatte zerstören

Damit nicht genug, gibt es auch Festplatten mit einem roten Knopf zur Selbstzerstörung. Drückt man diesen Knopf, soll die Festplatte mit einem Stromstoß gegrillt und unbrauchbar gemacht werden. Mit einem grünen Kopf hingegen kann eine integrierte Löschfunktion bei der Festplatte gestartet werden. So sollen sich Festplatten vor der Entsorgung einfach und bequem von Daten bereinigen lassen. Das klingt erst einmal positiv, denn die Datensicherheitsmaßnahmen werden einfacher, komfortabler.

Nicht in falscher Sicherheit wiegen

Doch es besteht grundsätzlich die Gefahr, dass solch scheinbar hilfreiche Funktionen dazu verleiten, die vorbeugenden Maßnahmen in der Datensicherheit schleifen zu lassen: Warum noch verschlüsseln, wenn bei Verlust die Daten sogar aus der Ferne gelöscht werden können? Warum noch regelmäßig die Daten löschen, wenn alte Festplatten per Stromstoß vernichtet werden können? Ganz einfach, weil sonst die personenbezogenen Daten in Gefahr sind!

Vorbeugen heißt Verschlüsselung und sichere Datenlöschung

Wenn sich also Ihr Unternehmen entscheiden sollte, in Zukunft Speichermedien zu nutzen, die sich selbst zerstören und selbst löschen können, müssen Sie für Aufklärung sorgen, dass Verschlüsselung und Datenlöschung trotzdem notwendig sein:

  • Eine Datenfernlöschung ist nur eine Notfallmaßnahme, kein Ersatz für die Verschlüsselung der Daten. Der Grund: Zum einen kann der Verlust zu spät entdeckt werden, der Löschbefehl per SMS kommt zu spät. Oder aber der Dieb verhindert, dass die SMS die Festplatte erreicht, indem die SIM-Karte vor Anschalten der Festplatte entfernt wird.
  • Die Selbstzerstörung hört sich zwar nach Datenträgervernichtung an, doch muss zum einen sichergestellt werden, dass die Festplatte tatsächlich nicht mehr reanimiert werden kann. Man denke daran, wie erfolgreich inzwischen Datenrettungslösungen sind, die auch von Datendieben genutzt werden könnten. Zum anderen könnte der Knopfdruck auch vergessen werden.
  • Zudem darf die regelmäßige Datenlöschung nach Zweckerfüllung und Aufbewahrungsfrist nicht ausbleiben, nur weil am Ende der Nutzungsdauer des Speichermediums eine Selbstzerstörung stehen soll.

Download:


Neue Sicherheitsfunktionen für Speichermedien dürfen also nicht zum nachlässigen Datenschutz führen.

Oliver Schonschek
Oliver Schonschek ist Diplom-Physiker und Fachjournalist.

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