24. November 2010 - Geodaten

Was bei Google Street View so alles zu finden ist

Männer auf dem Weg in einen Sex-Shop, ein angeblich totes Mädchen auf dem Bürgersteig oder ein Riesen-Hai vor dem Haus, Google Street View enthält eine Menge an kuriosen Bildern. Bei der ganzen Aufregung über die Peinlichkeiten im Internet sollten aber die echten Datenschutz-Probleme nicht übersehen werden.

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Der Königsplatz in München, wie ihn Google Street View aufgenommen hat (Bild: Google.com)

Schlagzeilen und Diskussionen rund um Google Street View gibt es auch und gerade in Deutschland schon seit längerem. Doch seit einiger Zeit kann man sich nun trotzdem die ersten Ergebnisse der Kamerafahrten der Street-View-Fahrzeuge in deutschen Städten ansehen.

Dabei sind erste Probleme mit der Unkenntlichmachung aufgefallen. So berichtet zum Beispiel merkur-online.de über Fehler bei der Verpixelung der Aufnahmen in München. So wurde die Technische Zentrale der Münchner Verkehrsbetriebe bei Google Street View unkenntlich gemacht, obwohl die Stadtwerke das nie beantragt hatten.

Besser zu viel unkenntlich als zu wenig?

Nun könnte man aus Sicht des Datenschutzes sagen, dass dieser Fehler kein Problem darstellt, denn schließlich sei es besser, mehr zu verbergen als zu wenig.

Doch in Wirklichkeit zeigt dieses Beispiel aus München, dass der Prozess der Unkenntlichmachung noch nicht rund läuft. Aus anderen Ländern, in denen Google Street View bereits länger aktiv ist, sind Bilder bekannt, bei denen eine fehlerhafte Verpixelung durchaus zu einem Problem für die Privatsphäre werden könnte.

Kurios, aber kein Problem für den Datenschutz?

Beispiele, bei denen die Verpixelung (zum Glück) funktioniert hat, findet man genug, auch bei den kuriosen Bildern aus Google Street View, denen sich ganze Websites wie www.gstreetsightings.com widmen. Auf solchen Webseiten findet man Bildersammlungen, die aus einem Kuriositäten-Kabinett stammen könnten, aber eher harmlos sind:

  • Autos, die voller Aufkleber sind,
  • mehrere Fahrzeuge, die nebeneinander im Boden eines Ackers stecken, oder
  • ein Riesen-Hai, der vor einer Hausfassade zu sehen ist.

Anders sieht es natürlich aus, wenn Bilder entdeckt werden können, auf denen

  • Männer in einen Sex-Shop gehen,
  • Frauen sich neben ihrem Fahrzeug auf dem Parkplatz umziehen,
  • zwei Männer versuchen, eine Autotür ohne Schlüssel zu öffnen, oder
  • sich ein Busfahrer neben seinem Bus den Weg zur Toilette spart.

Wenn hier die Unkenntlichmachung von Gesichtern und Auto-Kennzeichen versagt, besteht durchaus ein Problem für die Privatsphäre der Betroffenen.

Aufregung und deutliche Konsequenzen

Selbst ein scheinbar totes Mädchen wurde auf einem US-amerikanischen Bürgersteig durch Google Street View gesichtet. Doch wie Daily Mail Online später berichtete, geht es dem Mädchen gut, das nur spielend von dem Google-Fahrzeug abgelichtet wurde. Zwar hat Google Street View also entgegen anders lautender Berichte keine Leiche entdeckt, wohl aber zu ersten Konsequenzen geführt:

  • Laut The Telegraph hat ein Mann eine strenge Diät begonnen, nachdem er sich und seinen Bauchumfang bei Google Street View gesehen hat. Während dies ein gewisses Gefühl von PR erzeugt, gibt es auch handfestere Auswirkungen:
  • So hat laut NBC New York die New Yorker Polizei mehrere Drogen-Dealer in Google Street View entdeckt und inzwischen überführt.
  • Die Londoner Polizei sucht einen Zeugen, den sie bei Google Street View in der Nähe eines Tatorts gesehen hat, aber wegen der Verpixelung nicht erkennen kann.
  • Ein börsennotiertes Unternehmen aus Kanada erlitt einen massiven Kurseinbruch, nachdem die Anleger dank Google Street View die schäbig wirkende Firmenzentrale sehen konnten.

Was wirklich zum Problem werden kann

Solche Meldungen rund um Google Street View werden sicherlich mit dazu beitragen, dass die Nutzerzahlen für diesen Google-Dienst weiter steigen. Schließlich könnte man ja selbst solch eine Kuriosität entdecken. Doch Datenschützer warnen vor anderen Ungewöhnlichkeiten.

Widerspruch nicht immer sauber umgesetzt

So liegt die Widerspruchsquote der Haushalte in den 20 größten Städten der Bundesrepublik bei nahezu drei Prozent. Die betreffenden Personen gehen zu Recht davon aus, dass ihr Widerspruch beachtet wird. Aber eine echte Sicherheit gibt es dafür nicht. So kann es passieren, dass ein Widerspruch nicht zeitnah umgesetzt werden kann.

Google schreibt dazu: „Wir betreiben einen sehr großen Aufwand, um sicherzustellen, dass die Anträge richtig umgesetzt werden. Allerdings lässt sich bei derartigen Prozessen nicht garantieren, dass jeder Antrag, der uns erreicht hat, auch vollständig bearbeitet werden kann. Zum Beispiel sind in einigen Fällen die angegebenen Adressen nicht eindeutig zuzuordnen, weil Angaben nicht lesbar oder die Beschreibungen des Gebäudes nicht eindeutig waren.“

Google erklärt zudem, „dass trotz mehrfacher Qualitätskontrollen nicht ausgeschlossen werden kann, dass es bei der manuellen Übernahme der Adressen aus den teils handschriftlichen Briefen zu Tippfehlern gekommen ist“, also der Widerspruch letztlich nicht immer wirksam umgesetzt werden kann.

Anonymisierung unzureichend oder fehlerhaft

Ebenfalls muss man damit rechnen, dass nicht alle Gesichter und Kennzeichnen korrekt anonymisiert werden. Die Betroffenen können dann das Problem über eine Funktion in Google Street View melden, vorausgesetzt natürlich, sie wissen von dem Problem.

Nicht vergessen werden sollte zudem, dass sich Personen nicht nur über ihr Gesicht erkennen lassen. Eine Besonderheit an Körper oder Kleidung könnte ausreichen, damit Bekannte eine Person bei Google Street View wiedererkennen.

Nicht mit Videoüberwachung verwechseln

Man muss also nicht in ungewöhnlichen Situationen von einem Google-Kamerawagen erwischt werden, um bei Google Street View aufzufallen. Trotz dieser Problematik bleibt jedoch festzuhalten, dass Google Street View keine Videoüberwachung darstellt, wie manche befürchten. Die Aufnahmen, die bei Google Street View zu sehen sind, sind Einzelbilder und keine Filme. Ein zeitlicher Vergleich, der zum Beispiel erlauben würde festzustellen, wann ein Haus bewohnt ist und wann nicht, ist bislang nicht möglich.

Trotzdem ist es notwendig, das Thema Google Street View im Auge zu behalten, damit man selbst nicht ungewollt in das Blickfeld anderer gerät. Dabei ist Google Street View nicht einmal der einzige Online-Dienst mit Straßenaufnahmen. Auch andere Karten-Dienste mit Foto-Aufnahmen sollten deshalb einmal genauer betrachtet werden.

Oliver Schonschek
Oliver Schonschek ist Diplom-Physiker und Fachjournalist.

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