30. November 2010 - Vorsicht! Dreiste Betrugsmasche am Telefon!

„PING-Anrufe“ – eine Gelddruckmaschine

Haben Sie das auch schon einmal erlebt? Das Telefon klingelt gerade ein einziges Mal – und sogar wenn man sofort abhebt, ist keiner dran. Die Versuchung, die Nummer zurückzurufen, ist groß. Immerhin könnte es ein wichtiger Anruf gewesen sein, auch wenn die Nummer völlig unbekannt ist. Doch Vorsicht! Auf dieser Versuchung baut eine dreiste Betrugsmasche auf!

Datenschutzkonzept ist Grundlage der Datenschutzorganisation (Bild: Mathias Rosenthal / iStock / Thinkstock)

Die Täter wussten genau, dass Neugier eine starke Triebfeder ist. Deshalb beschafften sie sich bei einem seriösen Netzanbieter aus dem TK-Sektor „Mehrwertdienstenummern“, bei denen ein Anruf mit 98 Cent berechnet wird.

Solche Nummern machen Sinn, wenn mit ihrer Hilfe Dienstleistungen angeboten werden, die zu Recht etwas kosten, etwa spezielle Wettervorhersagen.

Die Täter versuchen, fast eine Million Telefonbesitzer hereinzulegen

Solche seriösen Aktivitäten hatten die Täter aber natürlich nicht im Sinn. Vielmehr gingen sie wie folgt vor:

  • In der Weihnachtszeit 2006 wählten sie mittels Telefoncomputern zahlreiche Mobiltelefone in Deutschland an.
  • Dabei sorgten sie dafür, dass die Telefone höchstens einmal klingelten, jedoch in allen Fällen eine Mehrwertdienstenummer hinterlassen wurde.
  • Viele der Angerufenen glaubten, jemand habe sie aus einem ernsthaften Grund erreichen wollen, und riefen die Nummer zurück.
  • Dabei bekamen sie allerdings lediglich die für sie völlig nutzlose Telefonansage zu hören „Ihr Anruf wurde gezählt.“
  • Jedem Anrufer wurden für seinen Anruf mindestens 98 Cent in Rechnung gestellt.
  • Insgesamt gingen mindestens 786.500 Rückrufe ein.

„Pingen“ bedeutet in etwa „ kurz anfunken“

Das Verfahren, ganz kurz bei einem Anschluss „anzuläuten“, wird in der TK-Branche als „pingen“ bezeichnet. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Sonartechnik: U-Boote werden mit Schallwellen „angepingt“, das Echo verrät, wo sie sind.

Auch im vorliegenden Fall hofften die Täter auf ein „Echo“, nämlich auf Rückrufe, die ihnen Gebühren bringen sollten.

Die Täter tarnen sich nach außen mit einer Umfrageseite

Um nach außen zu tarnen, dass es ihnen nur um die Gebühren für die Anrufe ging, hatten die Täter eine Seite im Internet eingerichtet, auf der darauf hingewiesen wurde, dass man unter der Mehrwertdienstenummer darüber abstimmen könne, was man von der damals anstehenden Mehrwertsteuererhöhung halte.

An verschiedenen Stellen im Internet wurden zudem Werbebanner platziert, von denen aus man auf diese Webseite gelangen konnte.

Der Aufwand war umsonst

Die Betrugsmasche der Täter ging übrigens nicht auf: Die Bundesnetzagentur wurde auf das Treiben aufmerksam und ging energisch vor. Sie ließ die Rückrufnummer abschalten und verhängte ein „Inkassierungsverbot“ gegen die Täter. Sie kamen deshalb nicht an das erhoffte Geld.

Ist es versuchter Betrug oder nicht?

Nun stellte sich die Frage, ob die Täter wegen versuchten Betrugs strafrechtlich verfolgt werden können. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück erhob Anklage zum Landgericht Osnabrück. Damit kam sie allerdings nicht sehr weit.

Das Landgericht Osnabrück meint: nein!

Das Landgericht Osnabrück lehnte die Eröffnung des Hauptverfahrens ab. Begründung sinngemäß: Wer eine Rufnummer, die auf seinem Handy erscheint, aus freien Stücken zurückruft, ist nicht getäuscht worden! Niemand könne davon ausgehen, dass hinter jeder Nummer, die auf seinem Handy erscheint, ein sinnvolles Kommunikationsanliegen steckt.

Die Staatsanwaltschaft legt Beschwerde ein

Gegen diese Entscheidung legte die Staatsanwaltschaft Beschwerde zum Oberlandesgericht Osnabrück ein. Nach Auffassung dieses Gerichts liegt hier bei jedem einzelnen Anruf durchaus ein versuchter Betrug vor. Deshalb müsse die Anklage gegen die Täter zugelassen und ein Gerichtsverfahren gegen sie durchgeführt werden.

Das Oberlandesgericht Osnabrück sagt: Es ist versuchter Betrug!

Die Argumente des Gerichts:

  • Für den Angerufenen ist nicht erkennbar, aus welchem Grunde es bei einem einmaligen Anklingeln geblieben ist. Dass es nur einmal geklingelt hat, sagt also nichts aus.
  • Die Anzeige der Mehrwertdienstrufnummer erfolgt auch dann, wenn der Anruf in Abwesenheit des Adressaten eingegangen ist und dieser überhaupt nicht feststellen kann, wie oft das Telefon geläutet hat
  • Dass ein Ping-Anruf sich vom äußeren Vorgang her nicht vom Anruf eines Teilnehmers unterscheidet, der sich verwählt hat, ist ohne Relevanz. Denn aus der Sicht des Angerufenen – wie auch aus der Sicht des Anrufers – liegt im Fall des Verwählens durchaus ein ernsthaftes Kommunikationsverlangen zu Grunde. Die Annahme einer Täuschung scheitert in einem solchen Fall – anders als hier – daran, dass der Anrufende den Angerufenen gerade nicht täuschen wollte, sondern sich eben verwählt hat.
  • Schließlich lässt sich auch aus der Neuregelung des Telekommunikationsgesetzes, wonach es Anrufenden bei Werbung mit einem Telefonanruf untersagt ist, ihre Rufnummer zu unterdrücken, nicht ableiten, dass sich die Übermittlung der Telefonnummer in der Möglichkeit der Identifizierung des Anrufers erschöpft und nichts darüber aussagt, ob eine ernsthafte Kommunikation gewollt ist.

Die gesetzliche Regelung verfolgt eine ganz andere Zielrichtung, nämlich das Verbot missbräuchlicher Benutzung von Telekommunikationsdiensten durch Unterdrückung der Rufnummer des tatsächlichen (Werbe)Anrufers.

Die Täter müssen mit einer Freiheitsstrafe rechnen

Somit sehen die Täter nun einem Strafverfahren entgegen, an dessen Ende wohl eine Freiheitsstrafe stehen dürfte. Denn die Zahl der Geschädigten ist mit über 785.000 sehr hoch, und wäre aus ihrer Sicht alles gut gegangen, hätten die Täter eine hohe Summe eingestrichen.

Hier können Sie sich wehren!

Wenn Sie selbst Opfer eines PING-Anrufs geworden sind, können Sie sich hier bei der Bundesnetzagentur beschweren: http://www.bundesnetzagentur.de/. Denken Sie daran: Die Bundesnetzagentur kann nur gegen Missbräuche vorgehen, von denen sie etwas weiß.

Das Urteil des Oberlandesgerichts Oldenburg vom 20.8.2010 – 1 Ws 371/10 ist abrufbar unter http://app.olg-ol.niedersachsen.de/efundus/volltext.php4?id=5389

Dr. Eugen Ehmann
Dr. Eugen Ehmann ist Regierungsvizepräsident von Mittelfranken (Bayern). Er befasst sich seit über 20 Jahren intensiv mit Fragen des Datenschutzes in Unternehmen und Behörden.

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