11. Februar 2016 - Wie Videoüberwachung datenschutzfreundlicher wird

Datenschutz-Empfehlungen für Videoanalysen

Der Markt für Video Analytics wächst deutlich, der Bedarf an Datenschutzmaßnahmen bei Videoüberwachung ebenso. Eine Expertengruppe hat nun Empfehlungen für intelligente und datenschutzgerechte Videoanalysen veröffentlicht, die sich Datenschutzbeauftragte ansehen sollten.

Mit Video Analytics lässt sich z.B. mehr über Kunden erfahren Videoüberwachung geht auch Datenschutz-freundlich (Bild: edwardolive / iStock / Thinkstock)

Videoanalysen gehört die Zukunft

Nicht allein in der Videoüberwachung und -speicherung stecken Datenschutzrisiken, sondern ganz besonders in der Analyse. Mit den Lösungen zur Videoanalyse, auch Video Analytics genannt, versucht man schließlich, verwertbare Informationen aus der Überwachung zu ziehen.

Sowohl im Sicherheitsbereich als auch im Marketing besteht großes Interesse daran, möglichst viel über (einzelne) Personen auf der Videoaufzeichnung zu erfahren:

  • sei es, um nach verdächtigen Personen zu suchen oder verdächtiges Verhalten aufzuspüren,
  • sei es, um die Angebote oder die Shop-Planung besser auf die Kundenwünsche und das Kundenverhalten anzupassen.

Dabei sollen möglichst viele Folgeaktionen automatisch ausgelöst werden.

Den Erfolg der Analysen kann man auch daran ablesen, dass Marktforscher wie Research and Markets für den „Global Intelligent Video Analytics Market 2016–2020“ sehr hohe Wachstumsraten sehen. Die weitere Ausbreitung von Videoanalysen und die fortlaufende Ergänzung neuer Analysefunktionen dürfen nicht ohne Antwort des Datenschutzes bleiben.


Download: Checkliste: Datenschutz für Video Analytics


Beispiel Kundenanalyse in Geschäften

Wie stark der Schutz personenbezogener Daten betroffen ist, erkennt man, wenn man sich die Anwendungsfälle ansieht. Da gibt es zum Beispiel Lösungen aus dem Bereich In-Store Analytics:

  • Sie werten die Bewegungen und das Verhalten von Kunden im Shop aus, um die Shop- und Angebotsplanung zu optimieren.
  • Dabei werden auch Alter, Geschlecht, Bewegungsmuster und Anzeichen für Aufmerksamkeit ausgewertet.
  • Je nach Lösung könnten aber die Kunden auch individuell erkannt werden, um wirklich persönliche Angebote machen zu können. Denn Gesichtserkennung gehört durchaus zu den möglichen Funktionen.

Es geht also womöglich nicht nur um die statistische Kundenzählung pro Gang und Regal, abhängig von den Geschäftszeiten, sondern um eine sehr genaue Analyse der Videoinformationen bis hin zum direkten Personenbezug. Was genau vorliegt, muss Gegenstand einer Risikoanalyse sein.

Datenrisiken bei Videoanalyse

Die Risiken bei Videoanalysen hängen unter anderem davon ab, welcher Art die Analysefunktionen sind:

  • Geht es nur um die Erkennung, dass dort Personen sind?
  • Geht es um eine Klassifizierung, wie alt die Personen sind und welches Geschlecht sie haben?
  • Oder geht es bis zur Identifizierung, also um die Beantwortung der Frage, wer die Personen auf den Videobildern sind?

Prinzipiell könnten aber bei jeder Form der Videoanalyse personenbezogene Daten zur Auswertung kommen. Datenschutzbeauftragte müssen sich also die Analyselösungen sehr genau erläutern lassen und auch ansehen.

Datenschutzmaßnahmen bei Video Analytics

Unterstützung für Datenschutzbeauftragte bietet unter anderem ein neues „Working Paper on intelligent video analytics“ der International Working Group on Data Protection in Telecommunications. Zu den Kernaussagen des Dokuments zählen:

  • Setzen Sie intelligente Analysen nur unter Bedingungen ein, die im Verhältnis zu den Auswirkungen auf die Privatsphäre und den Datenschutz angemessen sind.
  • Sorgen Sie dafür, dass die gefilmten Personen vollständig darüber informiert und darauf hingewiesen werden, dass intelligente Videoanalyse im Einsatz ist und dass sie in eindeutiger und verständlicher Weise darüber aufgeklärt werden, was das für sie bedeutet.
  • Identifikationsanwendungen, die den Einzelnen herausgreifen oder identifizieren, sind rechtmäßig nur unter strengeren Bedingungen zulässig. Rechtsgrundlagen können die Einwilligung des Einzelnen, ein Gesetz oder Verfahren der Vorabgenehmigung nach nationaler Gesetzgebung sein.
  • Schenken Sie der Verarbeitung von besonderen Datenkategorien auch besondere Aufmerksamkeit. Hier geht es etwa um Gesundheitsdaten oder Informationen über die ethnische Herkunft, die zu Diskriminierung oder anderen negativen Folgen für die Betroffenen führen können. Achten Sie darauf, dass Verfahren der intelligenten Videoanalyse deren Erhebung oder Verarbeitung ausdrücklich vermeiden.
  • Darüber hinaus sollte keine automatisierte Einzelentscheidung auf Bewertungen des Verhaltens durch intelligente Videoanalyse-Systeme gestützt werden (insbesondere im Fall der Profilbildung aufgrund von sensiblen Daten wie Rasse oder Gesundheit). Solche Entscheidungen setzen zumindest die Überprüfung durch einen Menschen voraus.
  • Um den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit zu beachten, sollte das Konzept „Privacy by Design“ (datenschutzgerechte Technikgestaltung) umgesetzt werden.
  • Betreiber von Systemen der intelligenten Videoanalyse sollten Datenschutz-Folgenabschätzungen durchführen, um rechtzeitig die Risiken zu erkennen und nötige Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen.
  • Umgehende Löschung der Bilder oder der aus den Bildern abgeleiteten eindeutigen Kennzeichen, sofortige Anonymisierung der erhobenen Daten und die Löschung historischer Rohdaten können die Risiken wesentlich verringern.
  • Zusätzlich sollten Betreiber prüfen, ob der Verarbeitungszweck tatsächlich eine ständige Analyse erfordert oder ob zeitliche und geografische Begrenzungen möglich sind.
  • Achten Sie auf angemessene Verfahren und Maßnahmen, die sicherstellen, dass die Daten vor unbefugtem Zugriff, vor Veränderung oder Zerstörung geschützt sind.

Videoüberwachung kann intelligent UND datenschutzgerecht sein

Datenschutzfreundlichkeit bei der intelligenten Videoanalyse bedeutet auch, die Zweckbindung strikt zu beachten. Die Expertengruppe erklärt, dass ein reales Risiko besteht, dass Daten, die für bestimmte Zwecke wie Verwaltung oder Sicherheit erhoben wurden, für andere im Wesentlichen unvereinbare Zwecke wie Werbung oder Überwachung verwendet werden.

Datenschutzbeauftragte werden feststellen, dass die Empfehlungen der Expertengruppe (natürlich) nichts anderes sind als die Anwendungen grundlegender Datenschutzprinzipien. Das ist deshalb erwähnenswert, weil viele vermuten oder aber behaupten, Datenschutz sei hier kaum umzusetzen, denn die Anforderungen bei solchen Systemen seien zu komplex. Dem ist nicht so.

Einen weiteren Grund kann man ausschließen, der dazu führt, dass bei Videoanalysen nur unzureichend an den Datenschutz gedacht wird: Viele glauben, Videoüberwachung sei nach Anwendung von Datenschutzmaßnahmen wertlos. Wie aber zum Beispiel die Expertengruppe erklärt, erfordern Detektions- und Klassifizierungsaufgaben keine Speicherung der verarbeiteten Bilder oder irgendwelcher aus den Bilddaten abgeleiteten eindeutigen Kennzeichen. Sie lassen sich mit aggregierten Daten und Statistiken durchführen.

Datenschutz und intelligente Videoanalysen sind also durchaus vereinbar – man muss nur tatsächlich auf den Datenschutz achten.

Oliver Schonschek
Oliver Schonschek ist Diplom-Physiker (Universität Bonn), Analyst und IT-Fachjournalist im Bereich IT-Sicherheit und Datenschutz. Er ist Herausgeber und Fachautor zahlreicher Fachpublikationen.

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